Ich war bei Google... ("intimate and exclusive event")

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Ich war bei Google... ("intimate and exclusive event")

Beitragvon Orbiter » Di Dez 16, 2014 7:23 pm

Ich war bei Google...

Achtung es wird länglich aber auch nicht uninteressant, hatte noch kein Zeit das alle aufzuschreiben..

"This is an intimate and exclusive event"

https_events.withgoogle.com_leadership-impact-scale-google.png
Snapshot von https://events.withgoogle.com/leadership-impact-scale-google/
https_events.withgoogle.com_leadership-impact-scale-google.png (159.61 KiB) 2713-mal betrachtet

https://events.withgoogle.com/leadershi ... le-google/

Am 28. November gab es ein merkwürdiges Event bei Google namens "Leadership, Impact & Scale @ Google" zu dem ich eingeladen wurde. Also bin ich da mal hingefahren, hier kommt der Bericht:

Die Veranstaltung war innerhalb des Office-Bereich in den Google-Büroräumen der Google-Zentrale in München in einem recht kleinen Vortragsraum. Es waren geschätzt nur 25 Personen eingeladen, wie ich später feststellte waren alle aus München, ich war der einzige der von weiter her kam. Die Räumlichkeiten sahen genau so aus wie man das von Pressebildern kennt, bunt, alles voller angeklebten Zetteln, bekritzelten Whiteboards, Spielzeug, Kicker, im Meetingraum Sofaecke, Musikgeräte und so ein Zeug.

Ich hab mich nicht getraut Bilder zu machen, aber so in etwa wie hier hats ausgesehen:
https://in.finance.yahoo.com/photos/goo ... 48651.html
.. es war nur erheblich zugemüllter :mrgreen:

Die Agenda liess nicht so richtig durchblicken warum ich und die anderen eingeladen waren und ob das Ereignis öfters stattfindet oder was besonderes ist und warum wir alle da waren. Einen der Gäste kannte ich sogar - der Linuxtag-Urheber (ich schreibe mal keine Namen). Jedenfalls dachte ich mir, Google läd da ggf. genau die Leute ein denen ich mal meine Visitenkarte geben könnte damit die mal auf YaCy gucken - hab mir extra neue gemacht die so ein bisschen YaCy-Miniprospekt waren. Also ich wollte die Veranstaltung hacken und am Ende alle zu YaCy-Fans machen, hat aber nicht so ganz geklappt...

Die Vorträge:
Ich habe versucht mitzuschreiben, Folienkopien gab es keine was sehr schade ist denn da standen interessante Sachen drauf. Alles war auf englisch. Im Publikum waren ungefähr 5 nicht-Deutschsprechende, was ich so hörte, also 20%. Die Namen der Vortragenden sieht man auf dem Snapshot oben.

Erst mal gab es ein Vorwort bei dem erklärt wurde warum wir eingeladen wurden:
Zunächst sei es so dass Google nie viele Dinge über Interna erzählt, heute würden sie das ändern! Der deutsche Google-Ableger dürfte das eigenständig und das würden sie nun auch unabgestimmt machen. Sie hätten sich aber entschlossen nicht mit der Presse reden zu wollen weil sie tatsächlich über Technik reden wollen und das würden sie lieber mit Technikern machen. Also hätten sie besondere Spezialisten eingeladen damit man gemeinsam über Technik reden kann.. (an der Stelle wurde es dann doch spannend..)

1. Vortrag "Organization & Leadership"
Die deutsche Google-Zentrale in München macht vor allem Billing, aber nicht nur. Da werden also Rechnungen geschrieben. Sie haben aber auch Entwicklungs- und Produktionsverantwortung dort, denn die 24/7 Verfügbarkeit will man nicht über Nachtschichten und Bereitschaften machen sondern durch Rotation der Verantwortung über den Globus. So würde man in München (auch, es gibt ja noch Zürich) die Administration für ganz-Google in den Kalifornischen Nachtstunden übernehmen.
Man würde bei Google keine Leitenden Personen wünschen, die nicht auch die Service administrieren können und Software entwickeln können. So würden alle Führungspositionen in allen Hierarchien Teilaufgaben innerhalb der Technik behalten damit sie in der Lage sind bei technischen Themen die richtigen Entscheidungen zu fällen. Umgekehrt soll es auch keine reinen Techniker geben sondern auch Managementfunktionen und Freiheiten erhalten.
Man würde bei Google keine Mitarbeiter über Stellenausschreibungen bekommen. Alles was fähig ist, wäre weg. In Silicon Valley würden auch keine arbeitlosen Geeks rumlaufen. Also würde man bei Google versuchen selber über verschiedene Wege Personen anzusprechen, die dann immer ganz überrascht seien dass sich Google für sie interessieren würden. Man bekommt dann auch nicht nach 1-3 Interviews gleich einen Vertrag, je nach Kandidat wären das auch ganz junge von der Uni weggeklaute Langzeitpraktikanten die sich im Laufe der Zeit als geeigneit zeigen oder auch nicht. Sie hätten in der Vergangenheit auch viele Nieten gehabt. Man schmeisst aber selten jemanden raus sondern 'verwendet sie ihren Fähigkeiten entsprechend'. Die Mehrheit der Angestellten würden sicherlich insgeheim denken dass sie nur riesiges Glück hatten und bei den Vorgesetzen irgendwas falsch gelaufen wäre das man ausgerechnet sie genommen hätte. Das diese Angestellten so denken würden, würde (auch) damit zusammenhängen dass man nicht die typischen selbstsicheren Selbstdarsteller anspricht sondern eher die introvertierten Genies. So habe ich das jedenfalls verstanden.

2. Vortrag "Large Scale Design"
Man würde bei Google einem 'holistisches Design' folgen und alle Komponenten, Hardware, Netzwerke Software selber herstellen oder spezielle zusammenstellen. Manche Infos waren dann doch eher flach: es gäbe 'many Boards' (weiss grad nicht mehr was da gemeint war) mit 'Commodity Chips', sehr schnellen Netzschnittstellen (ach!). Es wird nirgendswo ein RAID eingesetzt, die Speicherung von jeglichen Daten erfolgt immer auf Festplatten die zu den Servicerechnern gehören. Man hätte eine hohe Poweeffizienz. Jetzt kommen die Buzzwords:
Networking: es gäbe ein hardware CDN routing, RPC Systeme, Kompression, OpenFlow.
Software: Data-driven Software practices. Für Scalability: sharding, denormalized load balancing with intermedia layers.
Utilization: die Billing-Aufgaben in München beziehen sich offensichtlich (so habe ich das verstanden) vor allem auf Youtube. Dazu gabe es auch (unglaubliche) Zahlen:
- jeden Tag werden 20 Milliarden (es stand 20*10^9 auf der Folie) Webseiten gecrawlt
- jeden Tag werden (angeblich) 4 Milliarden Stunden auf Youtube hochgeladen.

Die letzte Zahl sorgte zurecht zu Rückfragen. Man versicherte dass das richtig sei. Ich habe dann später in der Bar nochmal persönlich und direkt nachgefragt ob das wirklich sein kann, was bestätigt wurde. Drei Tage später kam dann eine Berichtigung:

"Also, as some of you have noticed, there was a mistake in the numbers presented in Alex’s talk. Thanks for noticing, and pointing it out. We copied the wrong row from another slide. YouTube has more than 4 billion views per day and the number of daily uploaded hours of video is more like 150,000."

Vier Milliarden Ansichten pro Tag und 150000 Stunden Uploads sind trotzdem gewaltig. Das sind 104 Stunden Upload pro Minute. Schade dass dieser Copy-Paste Fehler und Uninformiertheit der 'Informierer' hier einen faden Geschmack auf die ganze Veranstaltung werfen.
Weiter Utilization:
16 Videoformate würden verarbeitet werden und durchlaufen eine recht lange Verarbeitungskette. Dazu gab es ein Bild das ein Zuhörer für ein Raumschiff hielt, es sei aber der Workflowprozess, stark verkleinert. Beispielsweise wird aus dem Video der Ton extrahier und in verschiedenen weiteren Queues entweder zwerschnitten, daraus ID-Hashes berechnet die wiederum mit Copyright-Content-IDs verglichen werden oder es wird in einer Queue eine Stimmerkennung gemacht mit nachgelagerter Volltextindexierung (da werden sie bei Gronkh ja spass haben dachte ich). Es gäbe 3D Conversion (was auch immer das macht).
Man hätte 70% Utilization der Resources, der Load Balancer / Scheduler wurde von Google entwickelt und heisst intern 'Borg'. Im allgemeinen wären alle Tools, die von Google entworfen worden schon drei oder mehr mal komplett neu geschrieben worden.

3. Vortrag: "Service Managament"
Hier ging es um die Fragen der Organisation von Services, Performance und Skalierung.
Buzzwords: uniformity, maturity, expectations, growth - das sind wohl die Metriken nach denen Services skalieren sollen.
Es gab eine längliche Diskussion um die verwendeten Programmiersprachen. Dabei ist wohl so alles was man sich so vorstellen kann, viele der schrägen Mitarbeiter hätten die merkwürdigsten Programmiersprachen 'mitgebracht' und eingesetzt. Im Laufe der Zeit sind ein paar Klopper dann rausgeflogen, offenbar auch eine frühe 'Borg'-version die in List geschrieben war. Es würde zur Zeit auf vier Programmiersprache hinauslaufen, in das nun konvergiert wird:
- C++ für das Backend
- Python für System Managament
- Java für Frontend
- und immer mehr 'R' (es gäbe auch viele Scheme Programmierer bei Google)
Traditionell gäbe es nur ein einziges Version Control System in dem alle Entwicklungen von Google intern liegen.
Bei der Neuentwicklung würde man den folgenden Grundsätzen folgen:
- "Act tactically or your service will go down"
- "Think strategically or your team will go down"

Q&A
In den dann folgenden Q&A gab es noch viele 'Stories' wie man zu neuen Leuten kommt und wie diese gemanaget werden. Es gäbe halt bei Google viele Freiheiten aber auch Mitarbeiter die nicht nur diese zu sehr ausnutzen sondern auch 'die anderen mit runter ziehen'. Man müsste dann auch mal 'motivieren' indem man die leute auch mal wieder zwingt zu fokussieren. Wie macht man das? "pressure on goal" - "people do not work faster but focus better". Ich lass das mal so stehen.

Bar & Buffet
Nachfolgend sind wir alle in eine Bar gepilgert die zur Häfte für uns reserviert war und wo es ein Flying Buffet mit Saufen bis Abwinken gab. Auf dem Weg dorthin hatte ich die erste Gelegenheit mit anderen Teilnehmern zu sprechen. Bis zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar was Google mit dem Ereignis erreichen wollte. Wollte man neue Mitarbeiter finden? Es gab aber offenbar bei den Besuchern auch selber Personen mit Personalverantwortung, die kamen offenbar nicht in Frage. Es war auch mindestens ein Bewerber dabei. Ich selbst hab mit keinem einzigen Wort irgendwie eine Zuordnung von mir zu Knowhow von Suchtechnik, YaCy, Jobangebot oder irgendwas gehört. In der Bar hab ich mir dann meinen YaCy-Button ans Hemd geheftet und bin damit ein wenig offensiver umgegangen und hab versucht den anderen Teilnehmern davon zu erzählen, mit durchwachsenem Erfolg. Die drei Vortragenden waren auch dort und es gab auch angeregte Diskussionen um Sinn und Unsinn der Google-Kritik, Datenschutz, Zensur, Streetview-Wegblenden, Leistungsschutzrecht und mehr.

Am Ende fragte ich dann kurz bevor ich ging "darf ich das alles bloggen"? Ich kann mich an die Antwort nicht mehr erinnern aber der Blick hatte so ein 'Ring des Vertrauens'. Egal, so große Geheimnisse waren es ja nicht.

Also wie soll ich das bewerten? Wenn Google mehr Transparenz ausstrahlen will, dann wäre ggf. doch auch ein paar Leute von Datenschutzorganisationen als Zuhörer geeignet gewesen (z.B. digitalcourage oder netzpolitik-Leute), zumindest als 'Beimischung'. Vielleicht war es doch eher eine Aktion um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Ach ja, es fiel die Bemerkung 'wir nehmen gerne Empfehlungen entgegen'.

Technisch gesehen war das ganze nicht soo die Offenbarung, aber ein bisschen war ja schon dabei, diese Infos gibts ja sonst nur in klitzekleinen Bröckchen.

Jetzt hab ich schon so viel geschrieben, ggf. erinnere ich mich an mehr, bitte nachfragen.
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Re: Ich war bei Google... ("intimate and exclusive event")

Beitragvon TmoWizard » Di Dez 16, 2014 8:30 pm

Hallöchen Orbiter,

interessanter Bericht!

Öhm... 20 Milliarde Seiten pro Tag? Da haben wir mit YaCy aber noch 'nen sehr weiten Weg vor uns! Was mich gerade wundert:

Es wird nirgendswo ein RAID eingesetzt, die Speicherung von jeglichen Daten erfolgt immer auf Festplatten die zu den Servicerechnern gehören.


Irgendwie kann ich mir das nicht so recht vorstellen, das klingt jetzt selbst für mich als reinen Anwender mehr als nur etwas merkwürdig! :?:
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Re: Ich war bei Google... ("intimate and exclusive event")

Beitragvon Orbiter » Di Dez 16, 2014 8:37 pm

fand ich total plausibel. Da haben wir tatsächlich nochmal in der Bar drüber gesprochen. Das ist zum Teil eine Methode um Resourcen besser zu nutzen denn man braucht ja keine Extra-RAID Rechner und dann habe ich nochmal spezielle Eigenschaften des IO beim Indexieren angesprochen (sequentielles Schreiben ohne interrupt dazwischen) aber der Google-Mitarbeiter hatte entweder davon keine Ahnung oder wollte nix sagen.

Ach ja und dann haben wir über die Unmengen von Videos gesprochen die nur ein mal angeguckt werden (vom Uploader :? ): es gibt keine Bestrebungen solche sachen irgendwann zu löschen weil es eh niemand anguckt: "Speicher ist soo billig" sagte er.
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